Zeitkapsel

Zeitkapsel

Im Herbst 2016 bin ich im Internet auf die Idee der Zeitkapsel gekommen. Ich habe auch eine Person angeschrieben, die selbst mehrere Zeitkapseln präpariert hat. Zu dieser Zeit dachte ich an die Begegnung mit A. Ratter zehn Jahre früher und das Wiedersehen mit ihr. Ich wüsste nichts, was ich aus dieser Zeit noch so vergraben konnte, außer der Vorfreude auf die neue Arbeit und den ersten Urlaub. Im August 2020 interessierte ich mich erneut für das Thema „Zeitkapsel“, ich schaute mir die alten Websites an und überlege mir, was ich in eine Zeitkapsel für das Jahr 2024 tun könnte. Gestern Abend habe ich den Film „Frühstück bei Tiffany“ gesehen. Was ich noch tat: Die Wehmut nach 1994 oder die Zeit früher. Noch einmal treffen mit A. Ch. oder wem auch immer.

Die Wehmut nach meiner Jugend Ende der 1970er Jahre. Das Kinderprogramm im Fernsehen, der Zeitgeist. Dieser Zeitgeist kommt nicht mehr zurück. Oder könnte ich doch etwas unternehmen, dass dieser wieder zurückkehrt?

Was hat sich politisch getan im Jahr 2024? Hängst du immer noch den alten Gedanken nach? Bist du glücklicher als heute? Und wenn ja, warum? Welche Filme schaust du jetzt, welche Bücher liest du?

Und wie sähe eine Zeitkapsel für das Jahr 2500 überhaupt aus. Was wäre wichtig für die Menschheit und was wäre dir persönlich wichtig? Du musst Vorhersagen in die Zeitkapsel legen. Das wäre wahrscheinlich am interessantesten.

Sonst wüsste ich nichts… Wie wird die Chronik weitergeschrieben.

Die alten Griechen. Und wo stehen wir heute? Wir könnten weiter sein und eigentlich sind wir nicht da, wo wir 2000 Jahre später sein könnten?

„Was man in der Schule nicht lernt, wozu dort nie Zeit war, was aber ansonsten auch noch wichtig ist.“

Ich hielt an der Autobahnraststätte, parkte meinen Wagen in der Nähe des Lastwagenparkplatzes und ging hinein. Ich holte mir einen Kaffee und eine Zeitung, setzte mich an einen Tisch am Fenster und wartete. Dabei sah ich hinaus durch das vom Regen beschlagene Fenster. Ich sah wie einige Autos abfuhren, andere neu kamen. Da setzte sich ein anderer Gast neben mich. Er begann mit mir zu sprechen und aß dabei eine Currywurst. „Was man einmal tun müsste…wissen Sie, was eine Zeitkapsel ist.“ „Nein, das ist mir neu.“ „Eine Zeitkapsel darf erst nach einer bestimmten Zeit geöffnet werden.“ „Das klingt ja spannend.“ „Aber man muss sie gut konservieren.“ „Was würden Sie in die Zeitkapsel tun?“

„Ich würde einen Brief von mir an mein zukünftiges Ich in die Zeitkapsel packen. Außerdem eine Tageszeitung, vielleicht noch alte Fotos. Ich würde Fragen an mich stellen. Was sind deine aktuellen Probleme? Was könnte dich beschäftigen? Wie könntest du die Zeit damals aus späterer Perspektive sehen? Und was ich noch hinzutun würde…“

An einem Autobahnparkplatz stand ich in meinem Wohnmobil. Ich beobachtete, dass ein blauer Kleintransporter sich auf der Autobahn näherte, der viel zu schnell fuhr. Plötzlich geriet der Kleintransporter ins Schleudern und verunfallte. Die heranrasenden Autos fuhren in das Wrack, es kam zu einem Brand. Ich tat so, als hätte ich nichts gesehen, da ich Angst hatte, erste Hilfe zu leisten und sperrte mich in der Nasszelle ein. Während ich duschte glaubte ich, dass inzwischen schon die Notärzte eingetroffen seien.

Ich befinde mich in einem Institut für Russisch. Wiedersehen mit ehemaligen Schülern aus meiner Schule, die alle hier promovieren. Die Atmosphäre ist freundlich, aber ich habe dennoch keinen Anschluss. Einigen sehe ich beim Pakete einpacken zu.

Ich gehe durch die Stadt und überlege, dass sich aus den Idealen der Jugend nichts getan hat. Jeder strebt nach höherem Status als der andere. Ein Haus ist ein Haus. Ein Garten ist ein Garten. Ein Auto ist ein Auto.

Ich habe einmal durch eine Wand einen Pfurz gehört. Vielleicht hatte dieser Furz eine höhere Bedeutung (wer weiß, vielleicht von Außerirdischen?) Wir begannen beide zu lachen.

Vielleicht gibt es noch mehr Universen.

Was hat dir am Studium am meisten gefallen. Herbsttage im September vor Vorlesungsbeginn. Auf ein Sac Tava und einen türkischen Tee. Draußen wird der Himmel schon wieder grauer. Worauf hast du dich sonst noch gefreut? Damals, als du noch voller Hoffnung warst. Und was hat sich davon erfüllt? Wenn du einen Brief an dich in der Zukunft schreiben könntest, was würdest du schreiben? Wie man sich selbst treu bleibt.

Sehe das Bild von Magritte.

Zeit festgehalten. Zeit scheint stillzustehen. Kausalität rückgängig gemacht. Ich weiß gar nirgends anzufangen.

Ich dachte an die Begegnung mit A. zehn Jahre früher und dachte, dass dies festgehalten werden sollte. Aber mir schien es aussichtslos, auch nur einmal noch Kontakt mit ihr aufzunehmen. Und dennoch dachte ich, dass diese Begegnung nicht unerwähnt sein sollte, da sie mich damals so überraschte.

Was in den Jahren vor Christus geschah? Noch einmal zurück in die Zeit der Hochkulturen. Und wusste man etwas von dieser Entwicklung. Warum du noch einmal 4000, 5000 Jahre zurückgehen möchtest? Und was verspricht diese Zeit in der Zukunft? Die wichtigste Frage wäre: Was kommt in die Zeitkapsel und was bleibt draußen. Aber interessierte dich nicht, was in den 2020er Jahren geschehen würde? Was wäre in vier Jahren bei der nächsten Präsidentschaftswahl in den USA? Würdest du einen heutigen Geldschein in die Zeitkapsel legen? Gäbe es dann eine neue Serie oder wäre der Euro bis dahin komplett abgeschafft? Oder lohnt sich das nicht, da man sich die Bilder auch im Internet ansehen könnte. Du kannst nicht mehr in die Vergangenheit zurückreisen, das macht dich traurig. Und du denkst, dass es doch noch nicht so lange her war und dass es eine schönere Zeit war damals.

Meine Lebensphilosophie ist übrigens der Donaldismus. Donaldisten sind im übrigen keine Micky Maus oder Disney Fans. Aber das ist ein anderes Thema. Ich bestelle eine große Brotzeitplatte und biete meinem Gegenüber etwas an, was er dankend annimmt. Er sagt aber, dass er nichts von der Wurst anrühren werde, da er Vegetarier sei, also nur den Käse aufs Brot.

Noch einmal ganz von vorn:

Ich kam einmal ganz unvermittelt in ein Gespräch über Zeitkapseln. Soweit ich mich erinnern kann, fand es an einer Ausflugsgaststätte statt. Ich sah durch das Fenster auf den Parkplatz. Ein blauer Ford Tempo fuhr in den Parkplatz, heraus kam ein ungefähr 80-jähriger Mann. Er trug eine alte, abgewetzte Jeansjacke, darunter ein Donald-Duck T-Shirt. Nicht gerade passend für einen älteren Herren. Dieser näherte sich der Eingangstür. In diesem Moment fiel der Strom aus. Ich sah noch einmal das Mädchen aus dem Sprachlabor, mit dem du nichts sprachst, warum auch immer. Nach 13 Jahren erinnertest du dich an sie. Wie sich herausstellte, war der ältere Herr mit dem Ford Tempo Schriftsteller, genauer gesagt: Dichter. Er sprach über den Urknall, den Anfang des Universums. Danach wechselte er das Thema und sprach über Kryotherapie. Dass er im Jahr 2050 wieder aufwacht, wie nach einem kurzen Schlaf. Und alles ist besser. Die Wirtschaft, die Technologie.

Der Zeitkapsel-Spinner schwirrte mir noch einige Zeit im Kopf herum.

Was ich noch tun könnte. Ich steige in mein Auto und fahre weiter. Auf der Fahrt kommt in mir der Gedanke nach einer Zeitkapsel wieder auf und was man darin finden könnte. Ich saß am Steuer, es hatte angefangen zu regnen und ich überholte hektisch einen Lastwagen nach dem anderen.

Wenn wir damals nach Athen führen, mit einer Zeitmaschine oder so, wir wären vielleicht von den Philosophen, die wir heute so sehr verehren als Barbaren angesehen worden. Die Antike ist nicht interkulturell. Wir haben ein verklärtes Bild von der Antike, es ist ja nicht so, dass das alles Denker gewesen sind und es keinen Alltag gab. Warum in der Unterstufe die Schüler immer im Geschichtsunterricht fragen: Wie war der Alltag? Und nur die Kriege, die Geschichten der Feldherren, der Strategen. Und warum bekamst du darauf keine Antwort? Du bist in Gedanken noch immer in der römischen Villa. Im Atrium. Und du hast das Museum damals nicht gefunden, du standest unter Zeitdruck. Du entschuldigst dich damit, nicht alles gesehen haben zu können oder gibst an, doch dagewesen zu sein. Wie entstand die Schrift? Warum ist das alles schon so lange her? Warum wolltest du damals nach Aschaffenburg? Warum ist noch niemand auf die Idee gekommen eine römische Stadt aufzubauen? Ich meine nicht so wie Disneyland, und im großen Stil. Niemanden ist mehr das Bedürfnis gekommen, so zu leben wie die Römer. Und Bücher, die in einem das Gefühl wachleben lassen: „Das habe ich schon hundertmal gelesen.“

Dadaistische Fußzeile

Lieber ***

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Und die Moral von der Geschicht’: Tschüppermäuse malt man nicht!

In diesem Sinne: Tschüpp, tschüpp, tschüpp, tschüpp, tschüppes.

Grosses Bises,

Sunshine Sally and Mr Afternoon

Nicht fassen können

Sein Glück nicht fassen können,

und dass es Glück war, nur

warum gerade jetzt, war gerade hier,

dass es so sehr Glück war,

dass es gerade keines mehr war.

Er hatte Glück, ja, das ist wahr.

Angst, es wieder zu verlieren.

Angst, es nicht verdient zu haben.

Über dem Meer

Und plötzlich finde ich mich

wieder. Hier. Im Reich der Mitte.

Angebunden. An einen Stuhl.

In der Geschlossenen.

Nihao, zhi zhi, nicht viel.

Aber alles, was ich sagen kann.

Ich höre der Stille zu.

Ein alter Mann (so genau weiß

ich das Alter nicht mehr) gibt mir

Suppe, Bonbons., Kirschen

„Where do you come from?“

„That’s taboo!“

Ich zeige auf meine Wunden.

„Who did this to you?“

„That’s taboo!“

Er öffnet meine Fessel. Geht

mit mir ins Bad. Lässt Wasser

in ein Gefäß und reinigt mir

die Wunden. Ein Labsal.

„Where do you come from?“

„From the German consulate“

Er trocknet mich sanft ab.

Es fühlt sich so schön an.

„What did this people do with you“

„I don’t know“

Ein kurzer Moment des Innehaltens.

„Why these people brought you here?“

„They said that I was an extremely dangerous person“

ich lächle, dann umarme ich ihn.

Dezember 2014

Es ist nicht lange her, als ich ein Tagebuch bekam.

Unbestimmte Punkte die bleiben. Tyche.

Traum nur die Schale eines anderen Seins.

Auf der Menschheit laste ein Fluch und

du selbst wüsstest nicht, sie zu erlösen. 

Die Mythologie hat sich

zu ihrem eigenen Verhängnis entwickelt.

Diese Stunde zwischen Ernst und Heiterkeit.

Zwischen wahr und falsch, fremd und eigen.

Wer spricht eigentlich hier

und wer nicht.

Blutleer

es brach durch

wie im krieg

deren heiterkeit

trat blutleer aus ästen adern

irgendetwas verschwand aus einem leben

etwas anderes kam in ein leben

in der nacht kam regen

nur um das schöne motiv zu sehen

nacht und  mond und rauschen

brot in den tee

Geständnis

Die Klassenbeste in der Unterstufe,

die Schwester meines Austauschschülers,

die junge Frau am Frühstücksbuffet,

die mit der Nickelbrille im Schuhgeschäft,

die, die im Zug „Wiedersehen in Howards End“ gelesen hat,

die blonde Austauschschülerin,

die, die im Bus gesungen hat,

die, die mich nach den Semesterferien nach meinem Auslandspraktikum gefragt hat,

die Rodlerin mit der Zipfelmütze,

die, die im Spanischkurs neben mir saß,

die bei den Bibliotheksschließfächern,

die, die am Kopierer stand,

die, die das tolle Referat hielt,

die, die zur Wahl ging,

die, die im „esspress“ hinter dem Vorhang verschwunden ist,

die vor dem Käsestand,

die mit dem Tomatensaft,

die Bedienung im Café Nil,

die im Bus mit dem Schokokuchen,

die beim Tai-Chi,

die am Getränkeautomaten,

die, die den Hippie Trail absolviert hat,

die auf der Löwenbrücke,

die im Hauseingang,

die von der Hexenführung,

die in Esztergom,

die, die ebenfalls 2 Euro zahlen musste,

die vom Lachyoga,

die an der Hauswand,

die, die in der Jugendherberge „Bel Tempo“ gelesen hat,

die im Tanzkurs,

die Russischlehrerin

und die ABC-Schützin unter meinem Regenschirm.

Geliebt habe ich euch alle.